Nähe durch Praxis
Beziehungen stärken in der politischen Organisierung
„Ich will wissen, was meine Genossis bewegt.“ – Kennenlernen im Plenum
Gerade zu Beginn einer neuen Gruppe ist es wichtig, dass ihr euch Zeit zu nehmt, um euch gegenseitig kennenzulernen und herauszufinden: Wer ist eigentlich alles hier? Welche Erfahrungen bringen die einzelnen Personen mit? Und warum sind sie heute gekommen? Dafür gibt es verschiedene Methoden – ein paar stellen wir euch hier vor:
How To „Check-in & Check-out“
Beginnt jedes Treffen mit einem kurzen Check-in:
Wie geht es dir gerade? Was beschäftigt dich im Moment? Diese oder andere Fragen könnt ihr kurz reihum beantworten. Dabei könnt ihr euch auch vorstellen, zum Beispiel mit Namen und Pronomen. Es gibt keinen Zwang: Wer nichts sagen möchte, muss das nicht tun.
Am Ende des Treffens könnt ihr einen Check-out machen:
Wie geht es dir nach dem Treffen? Gab es etwas, das dir besonders gefallen oder dich gestört hat?
Check-in und Check-out helfen dabei, sich besser kennenzulernen und ein Gefühl dafür zu bekommen, in welcher Stimmung die Leute da sind und wie viel gerade von ihnen erwartet werden kann.
Ihr könnt Check-in und Check-out auch in Kleingruppen (3–4 Personen) machen. Das kann es gerade in größeren Gruppen leichter machen, sich zu öffnen und ins Gespräch zu kommen.
Kennenlernrunde
Am Anfang einer Gruppengründung kann es sich auch lohnen, sich mehr Zeit für eine längere Kennenlernrunde zu nehmen.
Mit einer ausführlichen Kennenlernrunde oder, je nach Größe der Gruppe, zunächst intensiveren Gesprächen in Kleingruppen, findet ihr heraus, wer alles da ist, welchen Hintergrund die Teilnehmenden mitbringen und was ihr Bezug zu antifaschistischen Themen ist. Das bricht das Eis zwischen den Teilnehmenden und lockert schon mal die Stimmung für gute und engagierte Diskussionen.
Wichtig ist, im zweiten Schritt zu fragen, warum die Menschen heute hier sind und mit welchen Erwartungen sie gekommen sind. Dabei ist es einfacher, zuerst in Kleingruppen ins Gespräch zu kommen statt in der großen Runde.
Methodische Übungen
Es gibt viele einfache und wirkungsvolle Methoden, um sich besser kennenzulernen und dabei auch etwas Spaß in die Runde zu bringen. Zum Beispiel Aufstellungen: Bei dieser Methode stellt ihr Fragen, zu denen sich die Teilnehmenden im Raum positionieren. Zum Beispiel: „Wie viel Erfahrung hast du mit politischer Gruppenarbeit?“ Dann gebt ihr Antwortmöglichkeiten vor. Personen mit „viel“ Erfahrung stellen sich auf die eine Seite des Raums, Leute mit „noch gar keiner Erfahrung“ auf die andere. Tauscht euch dabei mit euren Nachbarn aus. So bekommt ihr ein gutes Gefühl dafür, wer wie tickt – ganz ohne große Redebeiträge.
Eine andere Idee ist das Stuhlspiel: Stellt einen Stuhlkreis auf, sodass ein Stuhl weniger im Kreis ist als Personen anwesend sind. Eine Person steht in der Mitte und sagt einen Satz, zum Beispiel: „Ich habe schon mal an einer Demo teilgenommen.“ Alle, auf die das zutrifft, stehen auf und suchen sich schnell einen neuen Platz. Wer keinen findet, bleibt in der Mitte und stellt die nächste Frage.
„Es macht mir nichts aus etwas Spaß zu haben, während ich die Welt ändere.“ – Socializing außerhalb der Treffen
Kennenlernen und spannender Austausch gelingen vor allem in einem netten und entspannten Rahmen. Denn: Politik soll auch Spaß machen!
Tipp: Erstellt einen eigenen Chat oder Kanal für Social Events, zum Beispiel auf Signal, Telegram oder einer anderen Plattform, die ihr nutzt. Dort könnt ihr soziale Treffen planen oder euch gemeinsam für Veranstaltungen verabreden.
Ideen für Social Events
Veranstaltet einen „Politisierungsabend“, bei dem jede Person etwas mitbringt, das sie politisch geprägt hat (ein Buch, ein Song, ein Film…). Das könnt ihr euch dann gegenseitig vorstellen und dabei erzählen, was euch politisiert hat.
Hängt nach dem Treffen noch etwas zusammen ab: Wo könnte man nach dem Treffen gemeinsam hingehen? Gibt es um die Ecke eine nette Kneipe oder ein Café? Ist das Wetter gut und Grillen wäre eine tolle Sache?Ladet euch gegenseitig zu euren Geburtstagen ein oder macht einen Ausflug.
Feiert eine Party! Feiert eure Erfolge!
Nichts verbindet so sehr wie gemeinsame Erfahrungen. Geht zusammen auf eine Demo, beteiligt euch an einer Aktion oder fahrt gemeinsam auf ein politisches Camp. Vielleicht gibt es ja schon etwas bei euch in der Nähe? Oder fangt erstmal kleiner an: Gemeinsam flyern, stickern, Plakate kleben oder Transpis malen – auch das macht Spaß.
„Ich muss nicht alles von Grund auf neu machen, ich kann von anderen lernen.“ – Voneinander lernen
Alle Menschen in einer Gruppe bringen unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliches Wissen und anderes mit. Achtet darauf, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Fähigkeiten jeder einzelnen Person wertgeschätzt werden. Und: Gruppen verändern sich. Es kommen neue Menschen dazu, andere gehen. Deshalb ist es hilfreich, Wissen zu sammeln und weiterzugeben.
Methoden für Erfahrungsaustausch
Damit ihr auch als Gruppe lernt, kann es Sinn machen, sogenannte „How-To’s“ zu verfassen, in denen ihr wichtige Infos und Erfahrungen aufschreibt und immer wieder ergänzt. Was sind die Grundregeln beim Verfassen einer Pressemitteilung? Welche Dinge sollten wir bei der Organisation einer Veranstaltung oder Demo auf keinen Fall vergessen? Was müssen neue Personen in der Gruppe wissen, um gut einsteigen zu können? Aber auch: Wo können wir vor Ort günstig Flyer drucken oder welche Locations eignen sich für coole Events?
Überlegt euch schon frühzeitig ein Konzept, wie ihr neue Menschen einbindet. Organisiert ein Buddysystem. Wer schon länger in der Gruppe dabei ist, wird Ansprechpartner:in für neue Mitglieder. Der „Buddy“ und der „Newby“ können sich vor den eigentlichen Gruppentreffen zusammensetzen und darüber sprechen, was gerade bei der Gruppe so ansteht, an was gerade gearbeitet wird und wie sich die neue Person aktiv einbringen kann.
Teilt euer Wissen! Organisiert regelmäßig Skillsharing-Workshops, z. B. zu Themen wie Sicherheit, Awareness in Gruppen, Moderation, Gruppenprozesse oder Entscheidungsfindung – oder was auch immer an Know-how in eurer Gruppe schon vorhanden ist.
„Natürlich ist meine Meinung super, nur manchmal ist sie nicht die Richtige.“ – Umgang mit Konflikten
Unterschiedliche Perspektiven sind unvermeidlich und das ist gut so. Wichtig ist, Konflikte nicht zu ignorieren, sondern Räume zu schaffen, in denen sie angesprochen und bearbeitet werden können. Aber übt euch auch im gemeinsamen Aushalten verschiedener Meinungen. Nicht jeder Konflikt kann und muss aufgelöst werden.
Methoden zum Umgang mit Konflikten
Werte gemeinsam erarbeiten: Was ist uns wichtig im Umgang miteinander? Welche Haltung wollen wir leben?
Führt regelmäßig Feedbackrunden ein, z. B. mit Fragen wie: Was lief gut? Was hat mich irritiert? Was wünsche ich mir fürs nächste Mal? Das schafft eine offene Kommunikationskultur und verhindert, dass Konflikte unter der Oberfläche brodeln.
Politische Konflikte aushalten lernen: Nicht jeder Konflikt lässt sich sofort lösen und das ist okay. Ihr könnt trotzdem gute Genossis werden, auch wenn ihr in manchen Punkten anders denkt. Das stärkt eure Diskussionskultur und schafft Sicherheit im Miteinander.
Awareness-Strukturen aufbauen: Nicht jeder Konflikt ist gleich. Bei übergriffigem Verhalten braucht es klare Awareness-Strukturen und Handlungssicherheit. Schulungen, Absprachen und ein Awareness-Team können hier unterstützen.
„Ich möchte andere nicht verletzten und nicht verletzt werden.“ – Awareness leben und gestalten
Ein achtsamer Umgang miteinander ist kein Extra, sondern wichtig für gute Zusammenarbeit. Unterschiedliche Bedürfnisse müssen ernst genommen werden, egal ob es um Pausen, Rückzugsräume, Sprache oder gesundheitliche Aspekte geht.
Genau darum geht es bei Awareness: Das Wort bedeutet so viel wie Aufmerksamkeit und steht für einen respektvollen Umgang miteinander. Ziel ist es, sich gegenseitig zu unterstützen und einen Raum zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen können und keinerlei Übergriffe oder diskriminierendes Verhalten geduldet werden.
Ideen für einen achtsamen Umgang
Fragt regelmäßig nach Bedürfnissen und möglichen Barrieren. Zum Beispiel: Gibt es jemanden, der eine Pause braucht? Gibt es Reizüberflutung durch Geräusche oder Licht? Ist der Ort für alle zugänglich? Solche Fragen helfen, für unterschiedliche Bedürfnisse sensibel zu bleiben, ohne dass sich Einzelne ständig erklären müssen.
Bestimmt bei jedem Plenum, jeder Demo oder Veranstaltung zwei Awareness-Personen. Diese Personen sind während des Treffens ansprechbar, wenn sich jemand unwohl fühlt, Diskriminierung erlebt oder persönliche Unterstützung braucht. Awareness-Personen schaffen eine vertrauensvolle Anlaufstelle, das kann die Hemmschwelle senken, sich zu äußern. Awareness-Personen sollten eine zugewandte und solidarische Haltung haben, die Bereitschaft zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen. Und im besten Fall auch ein Grundverständnis von Machtverhältnissen und Diskriminierungsformen haben. Wichtig: Auch wenn ihr Awareness-Personen bestimmt, bleibt die Verantwortung für einen achtsamen Umgang bei allen. Awareness ist keine Einzelaufgabe, sondern eine gemeinsame Praxis, die von der gesamten Gruppe getragen wird.
Reflektiert gemeinsam über diskriminierende Verhaltensweisen. Diskriminierung passiert oft unbewusst; patriarchale, rassistische oder ableistische Muster sind tief in unserer Gesellschaft und uns allen verankert. Diese Dynamiken zu erkennen, erfordert Zeit und gegenseitige Offenheit. Eine Möglichkeit: Vergebt feste Reflexionsrollen im Plenum. Eine Person achtet zum Beispiel besonders auf patriarchale Muster, eine andere auf rassistische, eine dritte auf ableistische Dynamiken. Am Ende des Treffens geben sie kurzes Feedback. Zum Beispiel könnte die patriarchale Rolle zurückmelden, ob der Redeanteil zwischen FLINTA*-Personen und Cis-Männern ausgewogen war.
